Manchmal beginnt ein neuer Weg dort, wo man selbst nicht mehr weiterweiß.
Neurodermitis begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit.
Ich erinnere mich an starken Juckreiz, offene Stellen in den Arm- und Kniebeugen und wunde Haut rund um den Mund. Aber auch an die Reaktionen anderer. Sätze wie: „Du hast Hände wie ein 80-Jähriger“ können Spuren hinterlassen.
Über dreißig Jahre lang lebte ich mit den Symptomen – mal mehr, mal weniger stark. Lange Zeit richtete sich mein Blick vor allem auf meine Haut und die Frage, wie ich die Symptome in den Griff bekommen könnte.
Nach meiner Ausbildung im Jahr 2014 begann ich, mich auch für alternative Ansätze zu öffnen. Zunächst ließ ich mich von einer Homöopathin begleiten, später auch von verschiedenen Heilpraktikern.
Ich probierte unterschiedliche Öle zur inneren und äußeren Anwendung aus und stellte meine Ernährung immer wieder um. Doch so sehr ich mir eine langfristige Veränderung wünschte: Nichts davon brachte mir dauerhaft die erhoffte Linderung.
Heute sehe ich diese Zeit als Teil meines Weges. Ich war auf der Suche nach Antworten – und vielleicht führte mich gerade diese Suche irgendwann dazu, andere Fragen zu stellen.
Mein Weckruf
Mit der Geburt meiner Tochter im Jahr 2019 kam mir eine weitere verantwortungsvolle Rolle zu. Nun war ich nicht mehr nur Arbeitnehmer, Unternehmer, Freund und Partner, sondern auch Vater.
In meiner Partnerschaft hatte es schon zuvor immer wieder Krisen gegeben. Rückblickend erkannte ich, dass ich oft nicht in der Lage war, meine eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen – geschweige denn, sie zu kommunizieren.
Ich wollte Harmonie. Ich wollte es allen recht machen.
Doch irgendwo in mir entstand ein Konflikt zwischen dem, was andere von mir brauchten oder erwarteten, und dem, was ich selbst vielleicht gebraucht hätte. Damals konnte ich das noch nicht klar benennen.
In dieser Zeit erlebte ich, wie der Juckreiz immer stärker wurde. Meine Hände waren offen und juckten. Manchmal stand ich zwanzig Minuten am Waschbecken und kratzte.
Irgendwann begann ich, meine Hände unter heißes Wasser aus dem Hahn zu halten und mich dabei zu verbrühen. In diesem Moment fühlte es sich für mich wie der einzige Ausweg aus dem unerträglichen Drang zu kratzen an.
Anschließend verurteilte ich mich dafür. Ich fühlte mich schwach, weil ich dem Drang nicht widerstehen konnte.
Eine Abwärtsspirale begann.
Durch die verbrühte und verletzte Haut an meinen Händen verstärkten sich die Beschwerden. Meine Haut spannte und riss aufgrund der Trockenheit stark ein. Gleichzeitig wurde auch das Gefühl, mich in meiner eigenen Haut nicht wohlzufühlen, immer stärker.
Auch für meine damalige Partnerin war diese Zeit belastend. Mitanzusehen, wie ein Mensch, den man liebt, sich selbst verletzt und scheinbar nichts dagegen tun kann, ist schwer. Gleichzeitig war sie selbst gerade Mutter geworden.
Unsere Beziehung ging schließlich auseinander.
Da meine Tochter durch die Schichtarbeit ihrer Mutter zeitweise bei mir war, stand ich plötzlich auch allein vor ganz alltäglichen Fragen: Was mache ich zu essen? Was unternehme ich mit ihr?
Eigentlich ganz banale Fragen, die mich jedoch bereits überforderten, weil ich selbst das Gefühl hatte, nicht mehr wirklich in meiner Mitte zu sein.
Gleichzeitig war auch das Pensum bei der Arbeit aufgrund einer hohen Fluktuation, zusätzlicher Aufgaben und der damit verbundenen Überstunden sehr hoch.
Meine Haut wurde zunehmend schlechter – und mit ihr wuchs auch mein Gefühl der Ausweglosigkeit.
Ich war Anfang dreißig und fühlte mich wie ein Wrack.
Auf der Suche nach Linderung
Zum damaligen Zeitpunkt sah ich den Stress bei der Arbeit als Hauptursache und entschloss mich, den Arbeitgeber zu wechseln.
Anfang 2022 begann ich bei einem kleineren Unternehmen. Dort fühlte ich mich mehr wertgeschätzt. Zunächst ging es mir besser: weniger Stress, eine ruhigere Haut. Doch nach einiger Zeit begann vieles wieder von vorne.
2023 war ich schließlich das gesamte Jahr krankgeschrieben. Bei mir wurde eine Depression diagnostiziert. Ich hatte zu kaum etwas Lust und wusste weder ein noch aus. Drei Monate verbrachte ich in einer Klinik. Während dieser Zeit ging auch meine neue Partnerschaft in die Brüche.
Mir wurde immer klarer: Ich möchte nicht mehr in der Buchhaltung arbeiten.
Doch damit begann eine neue Frage:
Was möchte ich stattdessen? Welcher Beruf würde mein Herz erfüllen?
Ich wusste es einfach nicht.
Der Blick nach innen
Während meines Klinikaufenthalts stieß ich auf Gedanken und Beschreibungen, in denen ich mich an vielen Stellen wiederfand.
Es war noch keine große Erkenntnis und auch nicht die eine Antwort auf all meine Fragen. Aber vielleicht war es der erste kleine Funke.
Ich erkannte, dass ich mit manchen meiner inneren Herausforderungen nicht allein war. Dass es da draußen andere Menschen gab, die ähnliche Erfahrungen und Herausforderungen kannten.
Nach meinem Klinikaufenthalt begab ich mich für etwa 16 Monate in eine Körperpsychotherapie. Ich beschäftigte mich intensiv mit frühen Erfahrungen, meinen Bedürfnissen und der Frage, wo ich mich bisher vielleicht nicht ausreichend abgegrenzt hatte.
Dabei begann ich, manches anders zu betrachten. Vielleicht ging es nicht nur darum, was sich auf meiner Haut zeigte, sondern auch darum, genauer auf mich und mein Leben zu schauen.
Ich bemerkte in dieser Zeit bereits Veränderungen meiner Haut.
Ausgetretene Pfade verlassen
Beruflich wusste ich trotzdem zunächst nicht, wohin mein Weg führen sollte. Ich begann noch einmal in der Buchhaltung, kündigte aber nach zwei Monaten wieder.
Danach arbeitete ich drei Wochen im Vertrieb im Auftrag der Telekom. Ich erreichte die vorgegebene Umsatzquote nicht und erhielt die Kündigung.
Aber ich hatte eine weitere wichtige Erkenntnis gewonnen:
Der Kontakt mit Menschen macht mir Spaß.
Auch meine Haut war während dieser Zeit besser geworden. Ob es mit dieser neuen Freude am Kontakt mit Menschen zusammenhing, kann ich jedoch nicht mit Sicherheit sagen.
Nach 4 Monaten Arbeitslosigkeit unterschrieb ich meinen neuen Arbeitsvertrag. Und obwohl es wieder im Bereich Buchhaltung war, war ich aufgrund meines ersten Eindrucks vom Unternehmen zuversichtlich und schöpfte wieder Hoffnung.
Ich erzählte einer Freundin voller Stolz davon, doch sie nahm mir den Wind aus den Segeln und sagte: „Dann hast du offensichtlich nichts gelernt und darfst nochmal eine Runde drehen.“
Als sie das sagte, war ich echt angepisst. Heute muss ich jedoch anerkennend sagen: Sie hatte recht.
Die Haut wurde von Monat für Monat wieder schlechter. Ich fühlte mich beruflich nicht erfüllt und begann mir verzweifelt wieder die Frage zu stellen:
Was kann ich beruflich tun, das mich wirklich erfüllt? Es muss doch irgendetwas geben.
Im Januar nahm ich an einer Veranstaltung zum Thema Persönlichkeitsentwicklung teil, die über eine ganze Woche ging. Hier kam ich zum ersten Mal wirklich tief mit Persönlichkeitsentwicklung in Berührung.
Und es hagelte regelrecht Erkenntnisse.
Am Ende der Woche bekam ich die Möglichkeit, die Ausbildung zum Coach zu buchen.
In diesem Moment wusste ich:
„Das ist das Zeichen, um das ich gebeten hatte.“
Nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, Coach zu werden, bekam ich noch einmal einen heftigen Schub und war für fast vier Wochen krankgeschrieben. Als ich wieder arbeiten ging, erhielt ich die Kündigung. Diese Kündigung zwang mich dazu, endlich loszugehen und aus den bisherigen Bahnen auszubrechen.
Ein neues Gefühl
Heute betrachte ich mein Leben und auch meine Symptome anders als früher. Ich habe nicht auf alle Fragen eine Antwort und behaupte nicht, dass es für jeden Menschen mit Neurodermitis den einen richtigen Weg gibt.
Etwas hatte sich verändert. Ich begann, mir selbst mit mehr Verständnis und weniger Verurteilung zu begegnen.
Ich gehe achtsamer mit mir um und versuche, mich jeden Tag ein Stück mehr anzunehmen, statt mich zu verurteilen. Denn auch unsere Schattenseiten gehören zu uns. Ich grenze mich besser ab und frage mich häufiger:
Was will ich eigentlich?
Ich bin körperlich wieder fitter, mache mehr Sport und beginne, mein Leben wieder selbstbestimmter zu leben, anstatt mich von meinen Symptomen leben zu lassen.
Das Gedankenkarussell ist nicht mehr so stark wie früher. Es gibt Phasen, in denen meine Symptome wesentlich milder sind.
Vor allem aber habe ich neue Hoffnung und Zuversicht gewonnen. Ich übernehme mehr Verantwortung für mein Leben und sehe mich nicht mehr als Opfer der Umstände.

Wer bin ich heute?
Vielleicht ist es genau meine eigene Geschichte, die mich heute dazu bewegt, Menschen mit Neurodermitis zu begleiten.
Ich weiß, wie belastend die Symptome sein können. Und ich weiß, dass gerade Kinder und Jugendliche manchmal zusätzlich mit Blicken, Bemerkungen und Verletzungen umgehen müssen.
Ich hätte mir als Kind jemanden gewünscht, der sich nicht ausschließlich mit meinen Symptomen beschäftigt.
Jemanden, der sich Zeit nimmt, mich und mein Leben zu betrachten. Der Fragen stellt und vielleicht den einen oder anderen blinden Fleck beleuchtet.
Nicht nur:
„Wie bekommen wir die Symptome weg?“
Sondern auch:
„Wie geht es dir eigentlich wirklich?“
Heute möchte ich Menschen auf ihrem eigenen Weg begleiten. Nicht, weil ich glaube, ihren Weg besser zu kennen als sie selbst, sondern weil es manchmal hilfreich sein kann, einen Menschen an seiner Seite zu haben, der aufmerksam zuhört, Fragen stellt und andere Perspektiven sichtbar macht.
Im Kern geht es mir darum, Menschen zu mehr Bewusstheit und wieder näher zu sich selbst zu führen.
Vielleicht beginnt Veränderung genau dort: bei der Entscheidung, sich selbst wieder näherzukommen.